TU Darmstadt

Teilprojekt der TU Darmstadt

Biologie

Die Aufgabe der Biologie ist es Daten und Fakten zur Mortalität von Insekten und Spinnen bei der Grünflächenpflege für das Projekt zu liefern.

Im Laufe des Projekts werden Daten in den drei Modellstädten Darmstadt, Bamberg und Göttingen, sowie in deren Umland aufgenommen. Hierbei werden insgesamt 270 Flächen beprobt und die Vielfalt der Arthropoden ausgewertet. Diese Flächen sind z.B. Wiesenflächen in Parks, Grünstreifen und Straßenbegleitgrün, die unterschiedlich gemanaged werden. Zusätzlich werden auch verschiedene Versuche auf Flächen in Darmstadt durchgeführt, die Aufschluss darauf geben sollen, wie schon kleinere Änderungen im Management einen positiven Einfluss auf die Vielfalt und Zahl der auf diesen Flächen lebenden Arthropoden haben. Folgende Fragestellungen sollen dabei geklärt werden: 

  • Welchen ökologischen Wert haben auf den ersten Blick scheinbar unbedeutende Flächen?
  • Welcher Mähertyp ist der Schonendste? Vergleich von Mähern verschiedener Hersteller, sowie Balken-, Kreiselmäher und Mulcher
  • Analyse von verschiedenen Aspekten der Mahd: Mahdhöhe, Breite des Mähers, mit/ohne Aufbereiter, Gewicht des Mähers, überfahrene Fläche
  • Auswirkung der Häufigkeit der Mahd
  • Auswirkung der nachfolgenden Ernteprozesse
  • Wird auf den Flächen gemulcht und/oder gedüngt o.Ä.? 
  • Welchen Beitrag leisten Refugien für Arthropoden, indem ein Teil der Wiese nicht oder erst später gemäht wird? 

Zusätzlich werden Ökosystemprozesse untersucht:

  1. mit Knetraupen, welche die Aktivität räuberischer Arthropoden erfassen
  2. durch ausgelegte Samenplatten, die zur Erfassung der potentiellen Samenverbreitung dienen
  3. mittels Bestäuberbeobachtungen 

Ziel des Projektes ist es mit den erhaltenen Daten Maßnahmen zu entwickeln, die zu einer insektenfreundlichen Mahd und zu einer höheren Arthropodenvielfalt führen. Diese Ergebnisse werden in Kooperation mit unseren Partner:innen praktisch umgesetzt.

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Politikwissenschaft:

Im politikwissenschaftlichen Teilprojekt von BioDivKultur werden die Handlungsoptionen und Regulierungsmöglichkeiten bei der Gestaltung und Pflege von Grünflächen in den Blick genommen. Hierbei steht der Prozess der Politisierung von Biodiversitätsfragen und deren potenzielle Verdichtung in institutionellen Arrangements auf kommunaler Ebene im Fokus. Von besonderer Relevanz ist dabei die Schärfung des Bewusstseins für die essentielle Bedeutung der Biodiversität vor allem in städtischen Grünflächen.

In den letzten Jahrzehnten hat die Politikwissenschaft verstärkt lokale, nationale und globale Umweltprobleme, mögliche Lösungsansätze sowie die Wechselwirkungen von Umweltzerstörung und anderen Politikfeldern thematisiert. Während in den 1970er und -80er Jahren noch verstärkt spezifische Themen wie die Wasserverschmutzung oder das Waldsterben im Fokus standen, erweiterte sich diese Perspektive in den 1990er Jahren auf die Gefährdung ganzer Ökosysteme und auf Fragen von Biodiversitätspolitik. Hierbei manifestierten sich verschiedene Trends, wie über den Einsatz ökonomischer Instrumente zum Schutz der Biodiversität, der Stärkung der rechtlichen Stellung von nichtmenschlichen Lebewesen und den Debatten um den sogenannten Ökozid, welcher die gezielte Zerstörung von Natur zur Ausschaltung von militärischen Rückzugsräumen beschreibt. Trotz wichtiger Erkenntnisse, die seitdem gewonnen werden konnten, erhält die Relevanz urbaner Flächen für den Erhalt von Biodiversität bislang im Vergleich zu Ackerland oder Wald kaum politische Aufmerksamkeit.

Im politikwissenschaftlichen Teilprojekt von BioDivKultur wird daher der Versuch unternommen einen Beitrag dazu zu leisten, diese Lücke zu schließen. Hierzu wird zum einen gefragt, wer, wie und warum das Thema Biodiversität, Grünflächen und eben immer stärker auch die Mahd politisch besetzt und zum anderen, ob und wie diese Themen anschließend in das politische System eingebracht werden und welche Wirkungen sie dort entfalten. Von besonderem Interesse ist hierbei, warum welche Akteure sich mit welchem Verständnis und welchen Strategien im politischen Prozess durchsetzen und wie erfolgreiche Initiativen institutionell sowohl über Zeit sichergestellt als auch räumlich ausgeweitet oder erfolgreich diffundiert werden können. Hierzu werden zum einen semistrukturelle Interviews als auch vergleichende Fallstudien durchgeführt.

Ziel ist es dadurch einen konkreten Beitrag zu Handlungsfeldern, -optionen und -instrumenten für den Bereich Biodiversität in Kommunen und stadtnahen Grünflächen zu leisten. Hierdurch sollen zum einen neue Gestaltungsräume sowohl für zivilgesellschaftliche Akteure als auch Verwaltungen identifiziert und zum anderen effektive sowie legitime Interventionsmöglichkeiten aufgezeigt und bewertet werden.

Linguistik

In dem Projekt BioDivKultur arbeiten Biolog:innen mit Geistes- und Sozialwissenschaftler:innen zusammen, um das Bewusstsein für Biodiversität praktisch, politisch und auch kommunikativ zu stärken und sogenannte „Biodiversitätskulturen“ zu entwickeln und zu etablieren. Dabei setzt die Angewandte Linguistik dort an, wo sich Mensch und Natur in Text, Diskurs und Interaktion begegnen:

  • Durch die linguistische Analyse des aktuellen Biodiversitätsdiskurses und die dort verhandelten Naturverständnisse und Nutzungsinteressen wollen wir verstehen, wo die zentralen Konfliktfelder im Biodiversitätsschutz liegen und wie die verschiedenen Akteure kommunikativ und argumentativ damit umgehen.
  • Mit ökolinguistischen Methoden wollen wir für eine Sprachverwendung sensibilisieren, die zur Akzeptanz der verschiedenen Schutzmaßnahmen (z.B. weniger Mähen) beiträgt, Schuldzuweisungen vermeidet und gemeinsame Handlungsbereitschaft fördert.

Einige unserer Forschungsfragen sind zum Beispiel: Wie verständlich sind Broschüren und andere Texte von Initiativen zum Biodiversitätsschutz? Welche Insekten werden (nicht) genannt, um Bürgerinnen und Bürgern Biodiversitätsschutz zu motivieren – und warum und mit welchem Effekt? In welcher Form wird das Verhältnis von Mensch und Natur thematisiert – wo werden also z.B. Verantwortlichkeiten konkret benannt, wo bleiben sie eher implizit?

Die Ökolinguistik als ein Arbeitsfeld der Angewandten Linguistik strebt danach, die natürliche Umwelt zu erhalten und einen Beitrag zur Überwindung der ökologischen Krise zu leisten. Neben der theoretischen Grundlagenforschung unterstützt die Angewandte Linguistik das Projekt daher auch auf angewandt-praktischer Ebene. Ziel ist es hierbei, Best Practice-Beispiele und verallgemeinerbare Handreichungen zu diskutieren. Hierfür stehen wir in engem Austausch mit unseren Praxispartnern.

“Denn Verwunderung war den Menschen jetzt wie vormals der Anfang des Philosophierens, indem sie sich anfangs über das nächstliegende Unerklärte verwunderten, dann allmählich fortschritten und auch über Größeres Fragen aufwarfen”.
(Aristoteles, Metaphysik 982b)

Philosophie:

“Denn Verwunderung war den Menschen jetzt wie vormals der Anfang des Philosophierens, indem sie sich anfangs über das nächstliegende Unerklärte verwunderten, dann allmählich fortschritten und auch über Größeres Fragen aufwarfen”.
(Aristoteles, Metaphysik 982b)*

Aristoteles charakterisiert den Startpunkt der Philosophie als eine Verwunderung, welche sowohl ein Staunen, aber auch ein Gefühl des Unbehagens darstellen kann. Das Nachdenken hebt also an dem Punkt des „Stolperns“ über etwas an. Dies können Naturerfahrungen sein, die uns emotional berühren, wie beeindruckend blühende Wiesen oder einzigartige Organismen, die aber individuell auch als bedrohlich empfunden werden können. Verwunderungswürdig erscheinen außerdem offensichtliche Widersprüche zwischen allgemeinen Zielen und konkretem Handeln. In unserem „BioDivKultur“-Projekt kann die Verwunderung, wie im obigen Zitat beschrieben, kleine, wie auch sehr große Fragen berühren. Es stellt sich beispielsweise ganz konkret die Frage, wie es im Austausch mit den unterschiedlichsten Akteuren/Fachrichtungen/Stakeholdern aus Wissenschaft und Gesellschaft zu Erkenntnissen kommen kann. Wie ergibt sich also gemeinsames verbindliches Handlungswissen aus wissenschaftlichen Studien, praktischen Erfahrungen und politischem Engagement? Wie könnte ein Dialog zur Aushandlung eines solchen gestaltet werden. Und was wird eigentlich gemeint, wenn wir über Biodiversität(skultur) sprechen. Der Begriff der Biodiversität ist stets mit einer Warnung der Zerstörung der Natur verbunden. Aber was meint Natur? Gibt es eine Grenze zwischen Natur und Kultur, falls ja, wo liegt diese?
Der Begriff Biodiversitätskultur als deren Verbindung impliziert auch die Frage nach Verantwortlichkeiten. Verantwortung benötigt immer einen Gegenstand, für den diese übernommen werden kann oder sollte: Verantwortung gegenüber…der Natur? …der Möglichkeit eines guten Lebens der jetzigen und nachfolgender Generationen? …dem bloßen Überleben des Menschen? …oder doch aller Organismen?
Nehmen wir solche Verantwortlichkeiten ernst, muss sich infolgedessen gefragt werden, wie diese umgesetzt werden kann. Wen, was und wie wollen wir schützen? Und wie kann ein solcher Schutz begründet werden. Wen und was schließt die „moral Community“ ein? Wie kann eine Biodiversitätskultur ausgestaltet und gestärkt werden? Wie kann eine Biodiversitätskultur im Wettstreit unterschiedlicher Wissens- und Wertvorstellungen Geltung erlangen?

Die Philosophie fungiert in diesem Projekt also als Fragestellerin, gibt Ideen und Stichworte, sowie die Möglichkeiten das Gesamtprojekt auf verschiedenen Abstraktionsebenen zu reflektieren.

Die Praktische Umsetzung des philosophischen Teilprojekts findet eng verknüpft mit dem IANUS Peacelab statt. Dort wird der Ideenraum ausgestaltet und die Möglichkeit für Austausch und Innovation im Hinblick auf friedensorientierte Forschung gegeben.

(Aristoteles. Metaphysik. Übersetzt von Herman Bonitz, Philosophische Schriften Bnd. 5, Meiner, 1995.)

Das Projekt BioDivKultur wird von der Forschungsinitiative zum Erhalt der Artenvielfalt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert.

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