Mahdworkshop

Mahdworkshop: Insektenschonend mähen - aber wie?

Am 19. und 20. September 2022 fand im Jagdschloss Kranichstein unser Mahdworkshop statt.

An zwei Tagen haben wir uns gemeinsam mit Akteuren aus der Forschung und Praxis über die Möglichkeiten und Grenzen einer insektenschonenden Mahd ausgetauscht.

An dieser Stelle möchten wir uns noch einmal ganz herzlich für die rege Teilnahme bei unserem Mahdworkshop und die großartigen Vorträge der Referent:innen bedanken!
Die interessanten Vorträge und spannenden Diskussionen haben neue Einblicke in dieses komplexe Thema gewährt und viele Informationen geliefert. Vor allem haben sie aber auch gezeigt, wie wichtig die Forschung und der gleichzeitige Austausch mit der Praxis ist, um gemeinsam die Insekten und Spinnen im Offenland zu fördern!

Ein besonderer Dank geht außerdem an die drei Mähgerätehersteller, die bei unserem Mahdworkshop waren: BB Umwelttechnik, Müthing und Kersten Maschinenfabrik. Es war sehr spannend, mehr über deren Technik zu lernen und darüber zu diskutieren. Wir hoffen, auch zukünftig für eine insektenschonendere Mahdtechnik zusammenzuarbeiten. 

Für den Mahdworkshop ist die Erstellung eines zusammenfassenden Skripts geplant, das wir auf dieser Seite veröffentlichen und gerne an alle Teilnehmenden verschicken werden, sobald es fertig ist.

Sie haben Fragen oder benötigen nähere Informationen? Dann melden Sie sich gerne bei uns:
E-Mail: gwalther@bio.tu-darmstadt.de
Telefon: 06151/16 20049

Die Vorträge:

BioDivkultur & TU Darmstadt:
Prof. dr. nico Blüthgen

„Je höher die Vegetation, desto mehr Individuen“

Prof. Dr. Nico Blüthgen ist Projektleiter des Projekts BioDivKultur und hielt an beiden Workshoptagen einleitende Vorträge über den Insektenrückgang, zeigte eigene wissenschaftliche Ergebnisse und den Einfluss der Mahd auf Insekten. Zu Beginn seiner Vorträge zeigte er die faszinierende Vielfalt der Insekten anhand seiner eigenen Makroaufnahmen, die er regelmäßig auf iNaturalist hochlädt. Auch erklärte Nico Blüthgen, dass der Einfluss der Mahd unterschiedlich auf Wiesenbewohner (Bsp. Heuschrecke) als auf Wiesenbesucher (Bsp. Bestäuber wie Schmetterlinge) wirkt. Am zweiten Mahworkshoptag gab Nico Blüthgen einen Hinweis auf die Studie Seibold et al. (2019) zum Rückgang von Insekten und dem Zusammenhang zur Landnutzungsintensität (https://doi.org/10.1038/s41586-019-1684-3). Neben dem nachgewiesenen Rückgang von Arten und Individuen der Insekten zeigte sich auch, dass die Präsenz von viel Ackerfläche einen noch stärkeren negativen Einfluss auf die Grünlandbewohner hatte. Die Ergebnisse bieten Handlungsmöglichkeiten, z.B. die Landschaft als Ganzes mit Randstrukturen zu begreifen.

Merkle & Partner:
Mona und dr. Siegbert Merkle

„53% mehr Pflanzenarten durch einbringen von blühenden Pflanzen und Streifenmahd“

Mona Merkle und Dr. Siegbert Merkle stellten das Biodiversitätskonzept der eigenen Firma vor. Siegbert Merkle wies eindringlich auf die Schädlichkeit von Mulchern hin und stellte Praxisberichte zu ihrer Betreuung von Kommunen bei der Grünflächenpflege vor. Das Unternehmen betreut mit eigenen Pflegetrupps 70 Hektar in insgesamt 11 Kommunen. Hierbei versuchen sie eine biodiversitätsschonende Mahd zu etablieren. Laut Dr. Siegbert Merkle mangelt es nicht an Konzepten, Wissen oder guten Ideen innerhalb der Kommunen, sondern an der Umsetzung. Hier fehlen Kapazitäten oder auch das richtige Gerät.

Grünflächenamt der Wissenschaftstadt Darmstadt:
Anke Bosch

„Schlegelmäher sind sinnvoll gegen Brombeeren und Rubinen“

Anke Bosch ist die Leiterin des Grünflächenamtes der Wissenschaftsstadt Darmstadt. Sie berichtete umfassend aus der Praxis. Dabei baute sie auf die offenen Ohren und das Interesse ihrer Mitarbeiter:innen und erzählte von der Umstellung zu insektenschonender Mahd. Die Stadt will immer mehr Flächen extensivieren und tut es bereits, dabei müssen aber viele weitere Aspekte bei der Umsetzung beachtet werden: Akzeptanz der Bürger:innen (Teilextensivierung durch Bankette/Akzeptanzstreifen), Lösungsfindung für das übrige Schnittgut, Zeitaufwand (z.B. Wartung des Balkenmähers), Firmenvergabe etc.

bauverein ag:
Yvonne Gauff

Die ungemähten Flächen führten bei den Mieter:innen nie zu Beschwerden.

Wohnungsgesellschaften haben viele Grünflächen in ihrer Hand. Yvonne Gauff berichtete aus Praxisprojekten, die die bauverein AG in Darmstadt zur Förderung der Biodiversität durchführt. Dabei war die Optik der Flächen für die Mieter:innen nie ein Beschwerdethema. Ein besonderes Erfolgsprojekt ist die Extensivierung der Flächen bei der Postsiedlung e.V. in Darmstadt (https://www.postsiedlung.de/projekte/). Hier wird versucht, eine  Balance zwischen Wiesenflächen und einem ordentlichen, gepflegten Bild in Grünflächen zu bekommen. Das Projekt von 2020 zeichnet sich als voller Erfolg ab: die Wiese bleibt, es wurde umfangreich kommuniziert und es war ein schöner, positiver Auftakt für mehr biodiverse Flächen der bauverein AG.

dr. Matthias nuß

„Strukturvielfalt schafft Insektenvielfalt, besonders auch durch Beweidung“

Dr. Matthias Nuß ist Schmetterlingsspezialist und am Senckenberg Institut in Dresden tätig. Er hielt zwei spannende  Vorträge an den beiden Workshoptagen zum Thema insektenschonende Mahd und Altgrasstreifen als Schutzmaßnahme. „Strukturvielfalt schafft Insektenvielfalt, besonders auch durch Beweidung“, berichtete Dr. Matthias Nuß zum Schmetterlingswiesenprojekt in Sachsen. Eine simple und effektive erste Maßnahme kann sein, 30% Altgrasstreifen auch über den Winter stehen zu lassen. Weiterhin plädierte er für eine frühe Mahd. Eine weitere interessante Information gab es am zweiten Tag: Der Schmetterling Braunkolbige Braundickkopf hieß früher Kornfüchschen. Der frühere Name zeichnet ein anderes Bild. Hier geht nicht nur Lebensraum, sondern auch Wissen über Arten von einer zur anderen Generation verloren.

dr. Philipp unterweger

„Sinneswandel statt Samenhandel“

Dr. Philipp Unterweger ist Biodiversiätsplaner und -berater. Er hielt zwei spannende Vorträge an beiden Workshoptagen und stellte dabei unter anderem das „Mahdkonzept nach Unterweger“ vor. Unter dem Motto „Vielfalt ist für Vielfalt wichtig“ geht es bei ihm nicht nur um die Mahd allein, sondern auch um Allmende-Strukturen in der Stadt. Er plädierte für: „Sinneswandel statt Samenhandel“. Am zweiten Workshoptag zur landwirtschaftlichen Mahd entstand eine rege Diskussion um Dr. Philipp Unterwegers Beispiel und Schlussfolgerung: Mahd, Wenden, Schwaden, und Verladen bedeutet ca. 69 Tonnen Fuhrparkgewicht auf der Wiese. Früher waren es im Gegensatz nur zwei Pferde. Er plädiert für eine ehrliche zeitgenössische Transformation: “reduzieren, ökologisieren, kompensieren”.

Alnatura:
Anke Pavlicek

Das Firmengelände soll ein stadtnaher Raum für Mensch und Natur sein

Anke Pavlicek berichtete über die Grünflächen rund um die Alnatura Zentrale Darmstadt und die Herausforderungen bei einem großen Firmengelände. Das Gelände hat das Ziel, ein stadtnaher Raum für Mensch und Natur zu sein. Die Alnatura Zentrale hat deshalb ein kulturelles, soziales, ökologisches (Gebäude, Regenwassernutzung, Baustoffe, artenreiches Außengelände, …) und ökonomisches (sparsam und einfach gebaut) Konzept. Unter anderem gibt es hier einen Gebrauchsrasen rund um das  Gebäude, eine Wildblumenwiese (1-mal im Jahr gemäht) und eine extensive Magerwiesen ohne Mahd, Naturraum für Zauneidechsen, Wildinsekten und seltene Trockenrasenpflanzen (keine Mahd).

Insektenfreundliches Günztal:
Stefan Schütz und Deniz Uzman

Entscheidende Maßnahmen sind die schonende Grünlandtechnik und das schonende Grünlandmanagement

Stefan Schütz und Deniz Uzman stellten ihr Projekt Insektenfreundliches Günztal am zweiten Workshoptag vor. „Wir wollen 100 Mikrohabitat-Inseln bauen, die bestehen aus Brache, Totholz, Feuchtmulde, Blumenwiese, Nisthügel“, so Stefan Schütz vom Insektenfreundlichen Günztal. Ziel des Projekts ist es 50 Hektar neue Biotopverbund-Flächen zu schaffen bzw. zu verbinden. Dabei nutzen sie Doppelmessermähwerke, stellen das Mahdregime um, lassen Altgrasstreifen stehen und setzen auf Extensivierung.

Im Anschluss stellte Deniz Uzman ein Poster zu ihren diesjährigen Mahdexperimenten vor. Hierbei untersuchen sie den Einfluss von Doppelmessermähwerken und Rotationsmähwerken auf Heuschrecken. Zur wissenschaftlichen Unterstützung arbeitet das Projekt mit der Universität Osnabrück und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zusammen.

InsectMow:
Lea von Berg und Jonas frank

Das Scheibenmähwerk ist derzeit das am meisten eingesetzte in der Landwirtschaft.

Aus diesem Grund setzt das Projekt InsectMow genau hier an. Lea von Berg stellte die Forschung zur Entwicklung eines modifizierten, insektenschonenderen Scheibenmähwerks vor. Das neue Mähwerk soll eine reduzierte bis keine Saugwirkung auf die Wiesenbewohner haben und wird in Zusammenarbeit von Wissenschaftler:innen aus der Ökologie und der Agrartechnik entwickelt. Nächstes Jahr soll die Technik erstmals getestet und evaluiert werden.

Landwirt, landmaschinenmechaniker & LPV Groß-gerau :
Horst Müller

“Es gibt viel Wille in der Landwirtschaft neue Dinge umzusetzen, aber der politische Rahmen muss stimmen.”

Horst Müller ist Landwirt und Landmaschinenmechaniker und erzählte über seine Erfahrungen aus der Praxis. Es gibt viele Hürden und Schwierigkeiten in der Landwirtschaft, die auch eine insektenschonende Landwirtschaft behindern. Unter anderem wurden Landwirt:innen in den letzten Jahrzehnten teilweise dazu gebracht immer größer zu werden. Einige bereuen dies nun und stehen nach der Vergrößerung ökonomisch nicht besser da. Vieles liegt bei uns in der Politik. Die genannten Punkte der Vorredner müssen in der Politik umgesetzt werden. Es gibt viel Wille in der Landwirtschaft neue Dinge umzusetzen, aber der politische Rahmen muss stimmen.

Vorstellung der Mahdgeräte:

Kersten Maschinenfabrik:

Die Kersten Maschinenfabrik ist ein im Jahr 1918 gegründeter Landmaschinenfachbetrieb, der auf ökologische Mähtechnik und Maschinenbau für Land- und Kommunalmaschinen ausgelegt ist. Besonders sind sie auf Doppelmesser-Mähtechnik spezialisiert. Georg Kersten ist der aktuelle Geschäftsinhaber in der vierten Generation des Familienunternehmens und stellte einige seiner Doppelmessermähwerke vor.

Müthing GmbH & Co. KG:

Die Müthing GmbH & Co. KG zählt zu den führenden Anbietern von Mulchtechnik in Europa. Das Familienunternehmen gibt es seit mittlerweile über 120 Jahren in der heutigen vierten Generation. Die Firma möchte insektenschonendere Mulcher entwickeln mithilfe von Y-Messer, einem vorgebauten Insektenretter und einer Arbeitshöhe bis zu 11 cm. Bei unserem Mahdworkshop stellten sie verschiedene Geräte vor.

BB-Umwelttechnik GmbH:

Die BB-Umwelttechnik GmbH ist ein junges innovatives Unternehmen, das Kammschwader und Doppelmessermähwerke herstellt. BB Umwelttechnik zeigte mit der Vorführung des neun Meter breiten Butterfly-Doppelmessermähwerks wie schnell und effektiv ein Balkenmäher funktionieren kann.

Das Projekt BioDivKultur wird von der Forschungsinitiative zum Erhalt der Artenvielfalt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert.

© Alle Inhalte der Website sind Eigentum des Projekts BioDivKultur